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KI: Zwischen Untergangsszenarien und Effizienzdruck

Autorenbild: IHR - Institut
IHR - Institut
23. Sept.
4 Min. Lesezeit

Wie gelingt es uns, mit KI gut und sicher arbeiten?


In den letzten Wochen häufen sich die Schlagzeilen zum Thema KI: Nach dem Austritt des KI-Forschers Jacob Coxon bei Anthropic und der damit einhergegangen Kritik an Anthropic und seinem vorhergehenden Arbeitgeber OpenAI häufen sich die Sicherheitsbedenken bei Experten, eng verbunden mit der Aussage "KI werde innerhalb des nächsten Jahrzehnts in der Lage zu sein, alle Menschen zu töten".


Andere Fachleute halten solche "Terminator-Szenarien" für wenig wahrscheinlich oder sogar für eine Ablenkung von den Problemen, die bereits heute konkret sind: Diskriminierung, Cyber-Angriffe, Datenschutzverletzungen und dem allgemein wachsenden Druck zur permanenten Beschleunigung.


Die große Zukunftsfrage und die kleinen Veränderungen im Alltag


KI schreibt Texte, fasst Dokumente zusammen, erstellt Bilder, analysiert Daten und formuliert Daten - das alles auch in eigenständigen Workflows. Was früher eine Stunde gedauert hat, ist manchmal in wenigen Minuten erledigt. Das kann entlasten und Zeit für anspruchsvollere Aufgaben verschaffen oder den Zugang zu Wissen erleichtern.


Allerdings verändert sich dadurch auch die Erwartung an die Arbeit. Wenn ein Entwurf in wenigen Minuten erstellt werden kann, wird aus der Möglichkeit schnell die neue Norm. Die gewonnene Zeit führt also nicht zu mehr Ruhe, sondern kann natürlich einfach wieder mit neuen Aufgaben gefüllt werden.


Die Internationale Arbeitsorganisation kommt in ihrer aktualisierten Analyse zur beruflichen Exposition gegenüber generativer KI zu dem Schluss, dass weltweit etwa jede vierte Person in einem Beruf arbeitet, in dem zumindest ein Teil der Tätigkeiten durch generative KI beeinflusst werden könnte. Dabei geht es nicht darum, dass ein Viertel aller Arbeitsplätze wegfallen wird. Vielmehr ist zu erwarten, dass sich viele Tätigkeiten und Arbeitsabläufe verändern, während menschliche Beteiligung in den meisten Berufen bestehen bleibt.


Wenn KI damit für viele von uns zunehmend Teil des Arbeitsalltags wird, lohnt sich umso mehr die Frage, wie wir sie so einsetzen können, dass sie uns unterstützt, ohne menschliche Urteilskraft, Verantwortung und Verbundenheit zu verdrängen.


Was MUSS menschlich bleiben?


  1. Urteilskraft und Verantwortung


Eine KI kann Vorschläge machen. Sie kann Argumente sortieren, Formulierungen vergleichen und wahrscheinliche Antworten erzeugen, trägt aber keine Verantwortung für die Folgen.


Besonders deutlich wird das bei Entscheidungen über Menschen: bei Bewerbungen, Leistungsbeurteilungnm Konflikten, gesundheitlichen Belastungen oder der Frage, welche Unterstützung ein Team braucht. Eine plausible Antwort ist noch kein gutes Urteil, eine automatisierte Empfehlung keine verantwortbare Entscheidung.



Menschlich bleibt die Fähigkeit, eine Situation einzuordnen, Widersprüche auszuhalten und die Folgen des eigenen Handelns mitzudenken.


Führung kann nicht bedeuten, die beste KI-Antwort auszuwählen. Führung bedeutet, Entscheidungen auch dann zu tragen, wenn die Lösung nicht eindeutig ist.


  1. Beziehung und Verbundenheit


Organisationen bestehen nicht nur aus Informationen und Aufgaben. Menschen müssen Vertrauen aufbauen, Enttäuschungen verarbeiten, Unsicherheit ansprechen und gemeinsam einen Sinn in ihrer Arbeit finden.


Eine KI kann ein schwieriges Gespräch vorbereiten, indem sie mögliche Formulierungen vorschlägt oder Argumente für verschiedene Perspektiven sammelt. Sie kann aber nicht wirklich anwesend sein. Sie spürt nicht, dass jemand nach einem Satz innehält. Sie kennt nicht automatisch die Geschichte, die zwischen zwei Menschen liegt. Und sie übernimmt nicht die Verantwortung dafür, wie eine Botschaft beim Gegenüber ankommt.


  1. Kreativität als Richtung, nicht nur als Ergebnis


KI kann in kurzer Zeit viele Varianten erzeugen. Das ist hilfreich, wenn wir feststecken oder einen ersten Zugang zu einem Thema suchen. Aber Kreativität besteht nicht nur darin, möglichst viele Ergebnisse hervorzubringen.


Sie beginnt früher: bei der Frage, welches Problem überhaupt wichtig ist, welche Perspektive bisher fehlt und worauf es sich lohnt, die eigene Aufmerksamkeit zu richten.


Die OECD fasst hierzu aktuelle experimentelle Befunde zusammen: Weniger kreative Nutzer:innen können durch KI-Unterstützung kreativere, neuere und nützlichere Ideen entwickeln. Die KI-gestützten Ideen ähneln sich allerdings stärker, wodurch der individuelle Kreativitätsgewinn daher mit einem Verlust an kollektiver Vielfalt einhergehen kann.

Bei bereits sehr kreativen Personen fällt der zusätzliche Nutzen von KI-Vorschlägen eher gering aus.


Also kann KI Kreativität unterstützen, sollte aber nicht die einzige Quelle für Ideen werden. Wer immer mit dem ersten maschinell erzeugten Vorschlag beginnt, übernimmt womöglich unbemerkt auch dessen Muster, Sprache und Grenzen.


  1. Umgang mit Unsicherheit und Mehrdeutigkeit


Viele wichtige Situationen im Arbeitsleben sind nicht eindeutig. Ein Teamkonflikt lässt sich nicht wie eine Rechenaufgabe lösen. Eine Veränderung kann gleichzeitig notwendig und schmerzhaft sein. Eine Führungskraft muss manchmal entscheiden, obwohl wichtige Informationen fehlen.


KI ist besonders gut darin, aus vorhandenen Informationen wahrscheinliche Muster und Formulierungen abzuleiten. Menschen müssen dagegen auch mit Ambivalenz, Bauchgefühl, Unbehagen und offenen Fragen umgehen können.


Diese Fähigkeit wirkt auf den ersten Blick wenig effizient. Sie verhindert aber vorschnelle Entscheidungen. Nicht jede Verzögerung ist ein Problem. Manchmal ist sie der nötige Raum, in dem ein besseres Verständnis entsteht.


  1. Widerspruch und moralischer Mut


Eine KI kann Pro und Contra gegenüberstellen, unterschiedliche Sichtweisen simulieren und auf mögliche Risiken hinweisen.


Den Mut, einer Mehrheit zu widersprechen, entwickelt sie nicht aus eigener Betroffenheit. Sie muss auch nicht mit den Konsequenzen einer Entscheidung leben.


Menschlichkeit zeigt sich deshalb auch darin, nicht jede Beschleunigung mitzumachen.


Eine Person, die fragt „Sollten wir das wirklich tun?“, kann für eine Organisation wichtiger sein als eine weitere Person, die den Vorgang schneller macht.



Diese fünf Fähigkeiten zeigen, worin die besondere menschliche Verantwortung im Umgang mit KI liegt:


Wir entscheiden, wofür wir KI einsetzen, wir gestalten ihre Ergebnisse, wir prüfen ihre Folgen und wir bleiben miteinander im Gespräch.


KI kann Arbeit schneller machen. Menschen geben ihr Richtung, Bedeutung und Verantwortung.


Diese Verantwortung liegt dabei nicht allein bei den einzelnen Nutzerinnen und Nutzern. Auch Führungskräfte und Organisationen müssen klare Regeln schaffen, Ergebnisse kritisch prüfen und menschliche Kontrolle sichern. Dafür braucht es zugleich verlässliche Rahmenbedingungen, die mit der technologischen Entwicklung Schritt halten.


Ein guter und sicherer Umgang mit KI beginnt deshalb nicht bei der Frage, was technisch möglich ist, sondern bei der Frage, was menschlich sinnvoll und verantwortbar bleibt.



Weiterführende Quellen:


BBC, 9. September 2026:


The Guardian, 9. September 2026:


International Labour Organization, 20. Mai 2025:


OECD, 2025:




 
 

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