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Führen, wenn der Kontext fehlt

Autorenbild: IHR - Institut
IHR - Institut
2. Sept.
4 Min. Lesezeit

Virtuelle beziehungsweise hybride Zusammenarbeit ist für viele Organisationen längst Alltag: Mitarbeitende arbeiten im Homeoffice, an unterschiedlichen Standorten oder wechseln regelmäßig zwischen Büro und mobilem Arbeitsplatz. Führung auf Distanz ist dabei nicht automatisch eine neue Führungsphilosophie. Auch Präsenzteams brauchen Vertrauen, klare Ziele und gute Kommunikation.


Der entscheidende Unterschied liegt in den Bedingungen: Wenn Mitarbeitende nicht am selben Ort arbeiten, fehlen viele Informationen, die im Büro ganz nebenbei entstehen - beispielsweise beim kurzen Austausch auf dem Flur, durch einen Blick ins Gesicht oder durch spontane Rückfragen. Was vor Ort beiläufig funktioniert, muss virtuell bewusster gestaltet werden.


Wie kann Führung auf Distanz gelingen? Entscheidend sind nicht möglichst viele digitale Termine, sondern klare Rahmenbedingungen, passende Kommunikationswege und ein Führungsverhalten, das Orientierung und Eigenverantwortung miteinander verbindet.


Weniger gemeinsamer Kontext erfordert mehr Klarheit


In einem Team, das täglich am selben Ort arbeitet, entstehen viele Informationen nebenbei: beim Kaffee, auf dem Flur, durch kurze Rückfragen zwischendurch. In virtuellen Teams fehlen diese informellen Kontaktpunkte. Gleichzeitig sind Stimmung, Überlastung oder Konflikte schwerer wahrzunehmen, wenn der persönliche Austausch über digitale Kanäle stattfindet.


Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hebt in ihrer Auseinandersetzung mit hybrider, ortsflexibler und multilokaler Arbeit die Bedeutung von Kommunikation, Zusammenarbeit und passenden organisatorischen Rahmenbedingungen hervor. Virtuelle Zusammenarbeit ist damit nicht nur eine technische, sondern vor allem auch eine soziale und organisatorische Gestaltungsaufgabe.


Führung auf Distanz braucht deshalb bewusstere Kommunikation. Dazu gehören regelmäßige Teammeetings, Einzelgespräche und klare Absprachen: Wer ist wofür verantwortlich? Welche Aufgabe hat Priorität? Über welchen Kanal werden Informationen geteilt? Und wann wird gemeinsam überprüft, ob ein Vorhaben auf dem richtigen Weg ist?


Nicht jede Kommunikation eignet sich für eine Videokonferenz. Sachliche Informationen lassen sich oft schriftlich bündeln, komplexe Abstimmungen hingegen profitieren vom direkten Gespräch. Für Feedback oder persönliche Anliegen braucht es einen geschützten Rahmen und ausreichend Zeit zum Zuhören.





Vertrauen braucht sichtbare Anhaltspunkte


Vertrauen ist kein Alleinstellungsmerkmal virtueller Führung. Es ist für jede gute Zusammenarbeit wichtig. In virtuellen Teams entsteht es jedoch unter anderen Bedingungen: Viele alltägliche Gelegenheiten, bei denen sich Verlässlichkeit und Kompetenz zeigen, fehlen. Vertrauen muss also stärker durch das Verhalten der Beteiligten und durch passende Strukturen unterstützt werden.


Breuer, Hüffmeier und Hertel (2017) weisen in ihrer Forschung zu virtuellen Teams darauf hin, dass Vertrauen und der Austausch von Informationen zentrale Voraussetzungen für eine erfolgreiche digitale Zusammenarbeit sind. Unausgesprochene Erwartungen und implizite Regeln sollten deshalb möglichst explizit gemacht werden. Ebenso wichtig ist, dass Informationen über Aufgaben, Zuständigkeiten und den Stand der Arbeit für alle Teammitglieder zugänglich sind.


Vertrauen zeigt sich im Arbeitsalltag zum Beispiel darin, dass Mitarbeitende Informationen teilen, Unterstützung anfragen, Verantwortung übernehmen und auch Schwierigkeiten frühzeitig ansprechen. Führungskräfte können dies fördern, indem sie erreichbar und berechenbar sind, Entscheidungen transparent machen und Zusagen einhalten.


Eine wichtige Konsequenz ist der Perspektivwechsel: Leistung zeigt sich nicht darin, wie lange jemand online ist oder wie häufig die Kamera eingeschaltet wird. Entscheidend sind vereinbarte Ergebnisse, Qualität, Zusammenarbeit und der Umgang mit Hindernissen. Transparente Arbeitsprozesse schaffen dabei Orientierung, ohne Präsenz mit Leistung gleichzusetzen.


Orientierung statt digitale Dauerpräsenz


Distanz kann bei Führungskräften das Gefühl auslösen, den Überblick zu verlieren. Mehr Statusabfragen, zusätzliche Nachrichten und engmaschige Kontrolle wirken auf Mitarbeitende jedoch schnell wie Misstrauen.


Vertrauen und Kontrolle sind allerdings kein Gegensatz. Gute Führung schafft einen verlässlichen Rahmen, in dem Fortschritt sichtbar wird, ohne jeden Arbeitsschritt zu überwachen. Dokumentierte Absprachen, gemeinsame Projektübersichten und regelmäßige Feedbackschleifen unterstützen Vertrauen, weil sie Orientierung und Nachvollziehbarkeit schaffen.


Hilfreiche Fragen können sein:


  • Was soll am Ende erreicht werden?

  • Welche Informationen braucht das Team, um selbstständig zu handeln?

  • Wo gibt es ein Hindernis?

  • Wann ist ein sinnvoller Zeitpunkt für den nächsten Austausch?


Autonomie bedeutet dabei nicht, Mitarbeitende allein zu lassen. Sie bedeutet, klare Ziele, ausreichende Ressourcen und verlässliche Unterstützung mit angemessenen Entscheidungspielräumen zu verbinden. Antoni, Hellert und Latniak (2024) beschreiben Vertrauen, Selbstregulation und partizipative Entscheidungsfindung als wichtige Ansatzpunkte für die digitale Führung und Zusammenarbeit.


Wie Führung situativ an Menschen, Aufgabe und Kontext angepasst werden kann, zeigen wir auch in unserem Beitrag Führungsstile: Welcher ist der richtige? (Spoiler: Keiner. Und genau das ist die Lösung.). Gerade bei virtueller Zusammenarbeit gibt es nicht den einen passenden Führungsstil. Entscheidend ist, was das Team in der jeweiligen Situation braucht.


Nähe schaffen, auch ohne gemeinsamen Ort


Virtuelle Führung verlangt weniger technische Perfektion als bewusste Beziehungsarbeit. Führungskräfte sollten aktiv zuhören, regelmäßig nachfragen und auch informellen Austausch ermöglichen. Ein kurzer persönlicher Check-in zu Beginn eines Teamtermins kann dabei ebenso hilfreich sein wie ein bewusst eingeplanter Raum für gemeinsames Lernen oder fachlichen Austausch.


Besonders wichtig ist, dass kein Teammitglied dauerhaft "aus dem Blick" gerät. Informationen sollten so geteilt werden, dass auch Mitarbeitende außerhalb des Büros gleichberechtigt einbezogen sind. Entscheidungen, die nebenbei im Büro getroffen werden, müssen in virtuellen bzw. hybriden Teams anschließend für alle zugänglich gemacht werden.


Damit Selbstbestimmung und Mitgestaltung tatsächlich funktionieren, braucht es zudem mehr als flexible Arbeitsorte. Auch klare Entscheidungsspielräume, verlässliche Kommunikation und gute Schnittstellen gehören dazu. Hier setzt der Gedanke von New Work an. Was sich dahinter verbirgt - und warum New Work mehr ist als Homeoffice und flexible Arbeitszeiten - erläutert unser Beitrag New Work: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit.


Führen auf Distanz bedeutet also nicht, grundsätzlich anders zu führen. Es bedeutet, vertraute Führungsaufgaben unter veränderten Informations- und Bezieungsbedingungen zu gestalten. Orientierung muss sichtbarer, Kommunikation bewusster und Beziehungspflege verbindlicher werden.


Die entscheidende Frage lautet nicht: "Wie kann ich mein Team aus der Entfernung möglichst gut überwachen?" sondern "Welche Informationen, Austauschmöglichkeiten und Entscheidungsspielräume braucht mein Team, damit Zusammenarbeit auch ohne gemeinsamen Ort funktioniert?"



Weiterführende Quellen:

Antoni, C. H., Hellert, U., & Latniak, E. (2024). Konzepte, Herausforderungen und Auswirkungen digitaler Führung und Zusammenarbeit. In C. H. Antoni, U. Hellert, & E. Latniak (Hrsg.), Digitale Führung und Zusammenarbeit: Konzepte, Tools, Erfahrungen für die Arbeitswelt 4.0 (S. 1–14). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-63764-7_1

 

Breuer, C., Hüffmeier, J., & Hertel, G. (2017). Vertrauen per Mausklick: Wie Vertrauen in virtuellen Teams entstehen kann. PERSONALquarterly, 69(2), 10–16. https://www.haufe.de/download/personalquarterly-22017-virtuelle-kooperation-personalquarterly-411834.pdf

 

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. (2024). Hybrides, ortsflexibles, multilokales Arbeiten? Wissenschaft im Dialog II. https://doi.org/10.21934/baua:fokus20240503

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