Unconscious Biases - Wenn das Gehirn Abkürzungen nimmt
- IHR - Institut

- 13. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Tagtäglich ist unser Gehirn mit einer Vielzahl von komplexen Einflüssen und Informationen konfrontiert, die es verarbeiten muss. Da die Kapazität unseres Arbeitsgedächtnisses begrenzt ist, nutzt unser Gehirn ganz automatisch Abkürzungen - sogenannte Heuristiken oder Biases. Diese laufen unbewusst ab (englisch: unconscious). Wir entscheiden einfach "nach dem Bauchgefühl".
Heuristiken ermöglichen dem Gehirn, Anstrengung zu verringern, denn nachdenken, reflektieren oder hinterfragen kostet uns Energie. Sie sind daher oft nützlich für schnelle Reaktionen im Alltag. In einigen Situationen sorgen sie jedoch dafür, dass wir schwer aus bereits bestehenden Bewertungsmustern herauskommen und fehleranfällig sind - beispielsweise in Personalauswahlgesprächen.
Was genau sind Unconscious Biases?
Es gibt viele Beispiele für Heuristiken, die in komplexen sozialen Interaktionen auftreten. Einige fokussieren eher unsere Erinnerungen, andere eher unsere Beurteilung. Hier sollen exemplarisch einige genannt werden:
Erinnerungs-Heuristiken: Was bleibt hängen?
Halo-Effekt
Dieser beschreibt, dass Urteile in Abhängigkeit von einem Merkmal gebildet werden, das auffällig ist oder hervorsticht. Beispiel: Eine Bewerberin kommt von einer sehr renommierten Universität. Im Nachhinein erinnern wir uns dann eher an diese pretigeträchtge Ausbildung, als an das, was sie im Gespräch tatsächlich gesagt hat. Die Herkunft überstrahlt alles andere - wie ein Heiligenschein (englisch: halo).
Primacy- und Recency-Effekt
Das bedeutet, dass man sich besonders gut an die Dinge erinnert, die zu Beginn oder zum Ende eines Gespräches genannt wurden. Was in der Mitte passiert oder besprochen wurde, wird am schlechtesten erinnert. Studien zeigen: Unser Gehirn gewichtet erste und letzte Eindrücke überproportional stark - der Mittelteil verblasst dagegen schnell.
Beurteilungs-Heuristiken: Wie wir Menschen einschätzen
Logische Fehler und implizite Persönlichkeitstheorien
Hierbei wirken unbewusste Annahmen, die wir über Personen im Kopf haben. Ein klassisches Beispiel: "Menschen mit Brille wirken intelligenter". Diese Annahme hat keine wissenschaftliche Grundlage - dennoch beeinflusst sie unsere Wahrnehmung.
Kulturabhängige Beurteilungen
Diese treten auf, wenn zur Bewertung von Beobachtungen und Wahrnehmungen nur die "Kultur der Mehrheit" genutzt wird. Diese Kultur wird beispielsweise definiert durch die ethnische Majorität, das vorherrschende Geschlecht oder eine bevorzugte Altersgruppe. Passen Antworten oder ein Verhalten nicht in dieses Schema, dann werden sie schlechter bewertet.
Beispiel:
Frauen werden gar nicht erst für Führungsaufgaben in Betracht gezogen, weil davon ausgegangen wird, dass sie aufgrund von Familienplanung diesen Schritt gar nicht anstreben - oder weil sie nicht in die bereits bestehenden Vorstellungen von einem "erfolgreichen Manager" passen. Die Zahlen zeigen: In Deutschland waren 2024 nur 29,1 % der Führungspositionen von Frauen besetzt - eine Quote, die sich in den letzten zehn Jahren kaum verändert hat. Das liegt nicht an fehlender Qualifikation, sondern oft an unbewussten Verzerrungen im Auswahlprozess.
Confirmation Bias (Bestätigungsfehler)
Das ist die Neigung, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass sie die eigenen Erwartungen erfüllen. Hat eine Person beispielsweise die Annahme, dass Frauen die Anforderungen an Führungspositionen nicht gut erfüllen können, so wird sie tendenziell eher Dinge wahrnehmen, die das bestätigen, obwohl das objektiv gar nicht stimmt.
Wie kann man vermeiden, dass solche Biases auftreten?
Grundsätzlich ist das schwierig, denn unser Gehirn braucht diese Abkürzungen, um nicht heillos überfordert zu sein.
Wichtig für Unternehmen und Führungskräfte ist es, sich diesen Denkabkürzungen bewusst zu sein und sie anzuerkennen. Ein Ansatz könnte sein, zu reflektieren, in welchen Situationen es besonders oft zur Nutzung von Heuristiken kommt. Häufig ist das der Fall, wenn wir sowieso schon viel Stress haben, hungrig, sehr müde oder allgemein überfordert sind. In solchen Situationen hat das Gehirn noch weniger Kapazität zur Verarbeitung und verlässt sich möglicherweise mehr auf Abkürzungen.
Sollte man sich also gar nicht mehr auf sein Bauchgefühl verlassen?
Nein, unser Bauchgefühl darf eine Rolle bei Entscheidungen spielen. Es ist jedoch wichtig, daneben auch eine umfassende und objektive Beurteilung der Situation zu machen und sich nicht nur darauf zu verlassen.
Konkrete Maßnahmen:
Besprechung mit anderen an der Entscheidung beteiligten Personen (Mehr-Augen-Prinzip)
Gründliches Überdenken und Reflektieren unserer eigenen Situation und deren Einflüsse auf die Entscheidung
Strukturierte Prozesse nutzen (z.B. Interviewleitfäden, Anforderungsprofile)
Damit können wir sicherstellen, dass wir nicht nur aufgrund von Denkfallen entscheiden.
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Unsere Literaturempfehlung:
Diagnostik- und Testkuratorium (2018). Personalauswahl kompetent gestalten. Grundlagen und Praxis der Eignungsdiagnostik nach DIN 33430. Springer. https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-53772-5#toc
Aktuelle Zahlen:
Statistisches Bundesamt (2025). Frauen in Führungspositionen.



